15. April 2025: kreuzrichtig 02 /25

Wenn Zeit zum schönsten Geschenk wird

«Zeit ist Geld», lautet ein bekanntes Sprichwort. Nicht so für die Freiwilligen des Aargauer Roten Kreuzes. Rund 950 Freiwillige engagieren sich für ihre Mitmenschen, ganz nach dem Motto «Im Aargau läbe – im Aargau hälfe». Eine von ihnen ist Marianne Schenkel aus Rupperswil. Sie schenkt einem besonderen Menschen ihre Zeit – und bereichert damit nicht nur seinen Alltag.

Einmal in der Woche besucht Marianne Schenkel den 91-jährigen Josef Hirsiger aus Suhr. Gemeinsam verbringen sie Zeit an der frischen Luft, gehen spazieren und geniessen gute Gespräche. Für Josef Hirsiger war dieses Engagement anfangs ungewohnt. «Warum macht sie das? Normalerweise wird jede Dienstleistung bezahlt, und jetzt kommt jemand, der dies freiwillig macht!», erinnert er sich an seine anfängliche Skepsis. Doch mittlerweile weiss er: «Sie möchte einfach jemandem eine Freude machen. Allein diese Absicht beeindruckt mich sehr.» Aus der anfänglichen Zurückhaltung ist inzwischen eine besondere Verbindung entstanden – und ihr Besuch ist für Josef Hirsiger zu einem der Höhepunkte seiner Woche geworden.

Gespräche, die verbinden
Das erste Treffen ist Josef Hirsiger in lebhafter Erinnerung geblieben: «Es erforderte ein wenig Mut. Nachdem wir zum Du übergegangen waren, stellten wir uns vorsichtig vor und tauschten zunächst harmlose Episoden aus unserem Leben aus.» Mit der Zeit vertieften sich jedoch die Gespräche. Aus vorsichtigem Herantasten entwickelten sich aussergewöhnliche Gespräche – intensiv, herausfordernd, manchmal kontrovers, aber stets respektvoll und auf Augenhöhe. Die Treffen der beiden sind geprägt von vielfältigen Themen: persönliche Erlebnisse und Erinnerungen, Gesellschaft und Kultur, Geschichte und Politik. Trotz unterschiedlicher Ansichten in politischen Fragen verbindet sie eines: die Liebe zur Natur. «Bei Vögeln und Blumen sind wir uns einig», sagt Marianne Schenkel lächelnd, «unsere Unterschiede ergänzen sich gut, und das macht unsere Gespräche immer spannend – gerade wegen der unterschiedlichen Perspektiven.»

Unterstützung für die Angehörigen
Die Besuche der Freiwilligen sind auch eine Entlastung für die Angehörigen. Ein Freiwilliger kann Zeit schenken, die andere nicht haben, und damit Lücken füllen, die sonst schwer zu schliessen sind. Genau deshalb ist Sabine Wilms, Josef Hirsigers Tochter, besonders dankbar: «Als Berufstätige schätze ich die zusätzliche Unterstützung sehr, wenn ich am Arbeiten bin. Zu wissen, dass mein Vater in guter Gesellschaft ist, freut mich sehr.»

Was motiviert Freiwillige?
Marianne Schenkel fiel als Verkäuferin auf, wie viele – insbesondere ältere – Menschen Unterstützung benötigen. Deshalb entschied sie sich, nach ihrer Pensionierung ehrenamtlich tätig zu werden. «Es gibt so viele einsame Menschen, deshalb ist unsere Arbeit so wichtig», betont sie. Doch welche Eigenschaften sind wichtig, um sich freiwillig zu engagieren? «Man sollte offen gegenüber anderen Menschen sein, Interesse am Leben anderer zeigen, kontaktfreudig und flexibel sein», erklärt Marianne Schenkel. Besonders wichtig ist ihr ausserdem die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

All diese Eigenschaften fasst sie zusammen – und ergänzt eine weitere, die sie selbst besonders auszeichnet: ihre positive Einstellung. «Zum Älterwerden gehört eine eingeschränkte Mobilität dazu. Doch in dieser schnelllebigen Welt nimmt man dafür die Umgebung wieder viel bewusster wahr», betont sie mit ihrer optimistischen Sichtweise.

Ihre Motivation bringt Marianne Schenkel schliesslich in einem Satz auf den Punkt: «Zeit ist ein wertvolles Gut. Diese mit anderen Menschen zu teilen, bedeutet mir sehr viel.»