Rotkreuz-Schreibdienst

Wenn ein Formular zur unüberwindbaren Hürde wird

Im Schreibdienst des Aargauer Roten Kreuzes unterstützen Freiwillige Personen beim Verfassen, Lesen und Verstehen ihrer Korrespondenz auf Deutsch. Dass es dabei auch emotional werden kann, zeigen die Geschichten der Freiwilligen.
Schreibdienst
Simona Wicki und Jürg Lüscher kümmern sich empathisch um die Anliegen der Menschen, die den Schreibdienst aufsuchen.

Was versteht eine Versicherung unter dem Begriff «Beitragsstatut»? Wofür steht die «Ermessenseinschätzung» bei den Steuern? Für viele ist die Korrespondenz mit der Verwaltung oder einer anderen öffentlichen Stelle schwierig. Für Menschen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben oder sonst Hilfe beim Lesen und Schreiben benötigen, ist die Hürde noch viel höher. 

Diese Menschen erhalten im Schreibdienst des Aargauer Roten Kreuzes Unterstützung. Freiwillige helfen ihnen, einen Brief zu verstehen oder ein Bewerbungsschreiben aufzusetzen. Jürg Lüscher engagiert sich seit über einem Jahr freiwillig im Schreibdienst und sagt: «Es ist sehr wichtig, dass man lesen und schreiben kann. Personen, die Mühe damit haben, sind froh um jede Unterstützung.»

«Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu helfen»
Dabei sind die Geschichten so vielfältig wie die Menschen selbst. Einmal geht es um das Formular für eine Familienzusammenführung, im Rahmen derer ein Afghane seine Ehefrau in die Schweiz nachholen möchte. Ein anderes Mal kommt eine Schweizerin und möchte sich versichern, dass ihr Bewerbungsschreiben einwandfrei verfasst ist. Manchmal machen sich die Freiwilligen auch weiterführende Gedanken über das Anliegen. Wenn zum Beispiel eine Frau um Unterstützung für einen Brief bittet, den sie ihrem Mann im Gefängnis zuschicken möchte. Für Jürg Lüscher ist aber klar: «Natürlich fange ich in solchen Situationen an, Sachen zu hinterfragen. Ich bleibe aber objektiv und professionell. Es ist nicht meine Aufgabe, zu werten oder Partei zu ergreifen, sondern dem Menschen bei seinem Anliegen zu helfen.»

Freiwillige nehmen eine grosse Last ab
Auch Simona Wicki engagiert sich im Schreibdienst. Vor über 50 Jahren flüchtete sie aus Tschechien – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen – und bekam von allen Seiten Unterstützung. Sie sagt: «Jetzt kann ich etwas zurückgeben.» Sie erinnert sich an eine Frau, die behauptete, den Brief nicht lesen zu können, weil sie ihre Brille vergessen hätte. Schnell habe Simona Wicki aber gemerkt, dass die Frau Analphabetin war. «Als ich ihr gesagt habe, dass alles in Ordnung ist und ich ihr helfen werde, war sie sehr erleichtert», erinnert sich Simona Wicki. 

Beide Freiwillige sind sich einig: Alle Personen sind sehr dankbar für die Hilfe, die sie im Schreibdienst erhalten. Jürg Lüscher sagt: «Ich merke jedes Mal, dass wir den Menschen eine Last abnehmen konnten, die sie schon länger mit sich herumgetragen haben.»