15. Oktober 2025: kreuzrichtig 04 /25

Mit Mut und Mentoring zur Lehrstelle

Mariia Kolomiiets aus Birrwil musste vor drei Jahren aus der Ukraine in die Schweiz flüchten. Sie suchte eine Lehrstelle als Kauffrau EFZ. Doch mit fehlenden Kenntnissen der Schweizer Bewerbungspraxis und dem Schutzstatus S gestaltete sich dies äusserst schwierig – bis sie von Nina Arnet im Rahmen des Lehrstellen-Coachings vom Jugendrotkreuz Kanton Aargau begleitet wurde.

Mariia Kolomiiets (23) musste gemeinsam mit ihrer Schwester 2022 aus der Ukraine in die Schweiz flüchten. Ihr Bachelorstudium in Englisch und Literatur konnte sie online aus der Schweiz abschliessen. Danach absolvierte sie ein Praktikum als Grafikdesignerin. Doch bei der anschliessenden Stellensuche stellte sie fest: «Mein Wissen war zu allgemein. Ohne praktische Erfahrung und mit meinem Hintergrund war es schwierig, eine passende Stelle zu finden.» Deshalb entschied sie sich, eine berufliche Grundbildung anzugehen, und suchte nach einer Lehrstelle als Kauffrau EFZ. Die Suche war jedoch anspruchsvoll. «In der Ukraine braucht man keinen Lebenslauf oder ein Bewerbungsschreiben. Das läuft dort ganz anders», sagt Mariia. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen stellten eine Hürde dar: Mit Schutzstatus S sind zusätzliche Bewilligungen nötig, um in der Schweiz eine Lehre beginnen zu dürfen.

«Ich bin sehr stolz darauf, dank dem Coaching-Programm eine passende Lehrstelle gefunden zu haben. Diese Grundlage gibt mir die Chance, mir in der Schweiz eine gute Zukunft aufzubauen.»
Mariia Kolomiiets, Mentee beim Lehrstellen-Coaching beim Jugendrotkreuz Kanton Aargau

Ein Coaching-Engagement mit Wirkung

Unterstützung erhielt sie im November 2024 von der Freiwilligen Nina Arnet aus Gretzenbach. Die beiden wurden über das Jugendrotkreuz Aargau und dessen Lehrstellen-Coaching-Programm zusammengebracht. Nina Arnet, 32 Jahre alt, war ursprünglich in der Reisebranche tätig. Während der Corona-Pandemie entschied sie sich für eine berufliche Neuorientierung und absolvierte eine Weiterbildung im Jobcoaching. Danach arbeitete sie kurz in diesem Bereich, wechselte später aber in die Eventbranche. Die Coaching-Themen liessen sie jedoch nicht los. «Ich wollte mein Wissen weitergeben», sagt sie. Online wurde sie auf das Mentoring-Programm aufmerksam. «Ich bin sehr privilegiert aufgewachsen und habe immer Unterstützung von zu Hause bekommen. Dieses Privileg wollte ich weitergeben und jemandem etwas Gutes tun», so Nina zu ihrer Motivation.

Ein Duo, das von Anfang an harmonierte

Bereits beim ersten Treffen war beiden klar: Diese Zusammenarbeit könnte gut funktionieren. «Mariia war sehr motiviert und kam bestens vorbereitet. Man spürte, dass sie bereit war, sich in der Schweiz etwas Neues aufzubauen und sich zu integrieren», erzählt Nina. Gemeinsam arbeiteten sie an Mariias Bewerbungsunterlagen und brachten sie auf den neuesten Stand. «Ich merkte sofort, dass in den drei Jahren, die Mariia bereits in der Schweiz lebt, noch niemand ihre Unterlagen mit ihr angeschaut hatte – obwohl das ein zentraler Schritt für die Integration ist», sagt Nina. «Gerade deshalb finde ich das Projekt des Jugendrotkreuzes so wertvoll: Es unterstützt genau dort, wo sonst oft niemand hilft.» 

Schon kurz darauf durfte sich die Ukrainerin bei einem potenziellen Lehrbetrieb vorstellen. «Ich habe den Unterschied sofort gemerkt. Nachdem ich die Unterlagen mit Ninas Hilfe angepasst hatte, wurde ich plötzlich auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen», berichtet Mariia erfreut. Nina unterstützte sie zusätzlich im Hintergrund: «Ich nahm Kontakt mit dem potenziellen Arbeitgeber auf, um ihm die Sicherheit zu geben, dass jemand Mariia begleitet – auch bei allen Fragen rund um Bewilligungen und Formalitäten.» 

Der Einsatz zahlte sich aus: Nur wenige Wochen später erhielt Mariia die Zusage für eine Lehrstelle als Kauffrau EFZ in einem Bauunternehmen. «Ich bin sehr glücklich, mit der Unterstützung vom Coaching-Programm eine passende Lehrstelle gefunden zu haben. Diese Grundlage gibt mir die Chance, mir in der Schweiz eine gute Zukunft aufzubauen», sagt Mariia lächelnd.

Unterstützung über das Lehrstellen-Coaching hinaus

Da Mariia schon nach kurzer Zeit eine passende Lehrstelle fand, ging die Begleitung durch Nina über das eigentliche Coaching hinaus. Sie unterstützte Mariia auch bei organisatorischen und administrativen Herausforderungen, etwa bei Bewilligungen oder dem Umgang mit den verschiedenen Ämtern. Auf einen Erfolg ist die Freiwillige besonders stolz: «Wir konnten erreichen, dass der Kanton die Deutsch- und Französischkurse bewilligt, die Mariia für ihre Lehre dringend benötigt. Diese Sprachkenntnisse werden ihr den Einstieg in die Ausbildung deutlich erleichtern.» Auch nach Beginn der Lehre möchte sie die Ukrainerin weiter begleiten. «Ich werde weiterhin für sie da sein, sei es bei schulischen Fragen oder wenn erneut Behördengänge anstehen», bestätigt Nina. Mariia ist nun bereit für ihren nächsten Schritt, mit einer Lehrstelle in der Tasche und einer Mentorin an ihrer Seite.